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Jüdische Geschichte Wiens
1194: Herzog Leopold V. setzt Schlom als Münzmeister ein. Schlom ist der erste Jude, dessen Ansiedlung in Wien belegt werden kann. 1204: Erwähnung einer Synagoge in Wien. 1238: Kaiser Friedrich II. nimmt die Jüdinnen und Juden Wiens als "Kammerknechte" unter seinen Schutz. 1244: Erstes Judenprivileg Herzog Friedrichs des Streitbaren. 1267: Die katholische Kirche verbietet gesellschaftlichen Verkehr von ChristInnen und Jüdinnen und Juden und schreibt letzteren eine Kleiderordnung vor. 1420/21: Die durch einen Großbrand in der "Judenstadt" und anschließende Plünderungen verarmten Wiener Jüdinnen und Juden sind entbehrlich geworden. Albrecht V. lässt die Jüdinnen und Juden Wiens und Niederösterreichs vertreiben. Die Wohlhabenderen unter ihnen werden zwecks Erpressung gefangengesetzt und zuletzt auf der Erdberger Lände verbrannt. Ein Teil der Gefangenen gibt sich schon vorher selbst den Tod. Die Synagoge am Judenplatz wird zerstört (Reste davon sind heute noch zu besichtigen). ab 1584: Einzelne "hofbefreite" Jüdinnen und Juden lassen sich in Wien nieder. "Hofbefreiung" bedeutet vor allem Befreiung von Mauten, Zöllen und kommunalen Abgaben. 1625: Zwangsansiedlung der Juden am Unteren Werd
Auf Betreiben der Wiener BürgerInnen muss sich die jüdische Bevölkerung am Unteren Werd ansiedeln, welcher sich außerhalb der Stadtmauern auf sumpfigen Gebiet befindet. Trotz widriger Umstände und Umgebung entsteht ein reges Geistesleben und Geschäftstreiben; 132 Häusern und eine Synagoge werden gebaut.
1670: Räumung des Ghettos
Auf Druck der Wiener Bevölkerung sowie seiner Gattin Margareta verfügt Kaiser Leopold I. das gesamte Ghetto am Unteren Werd zu räumen ("die Juden insgesamt, keinen davon ausgenommen, von hinnen und aus dem ganzen Lande Österreich wegzuschaffen"). Den Vertriebenen wird ihr Besitz geraubt, er fällt an die Stadt Wien. Als Dank dafür wird der Untere Werd in Leopoldstadt umbenannt. Es folgt der Abriss der "Neuen Synagoge" und die Errichtung der Leopoldskirche an ihrer statt. Durch die Umwidmung und den Umbau der damals eigenständigen Gemeinde sollte die Erinnerung an das jüdische Leben ausgelöscht werden. um 1680: Samuel Oppenheimer samt Haushaltung und danach Samson Wertheimer erhalten das Privileg, als "Hoffaktoren" wieder nach Wien zu kommen. Sie sind vor allem als Heereslieferanten und Mittler internationaler Darlehensgeschäfte für das Kaiserhaus tätig. Um 1700 leben zehn privilegierte jüdische Familien in Wien. 1718-1736: Aufgrund der Friedensverträge mit dem Osmanischen Reich muss jenen Juden, die UntertanInnen des Sultans sind, Freizügigkeit im Habsburgerreich gestattet werden. Sie können in Wien eine rechtlich anerkannte Gemeinde bilden. 1764: Restriktive Judenordnung Kaiserin Maria Theresias. Starke Einschränkungen von Aufenthaltsgenehmigungen und Privilegiengewährungen.
1781: Ein Hofdekret Josephs II. verbietet die Einhebung der Leibmaut, einer
seit dem Mittelalter gültigen Passiergebühr für Jüdinnen
und Juden. 1782: Joseph II. erlässt das Toleranzpatent, das zahlreiche diskriminierende Verordnungen aufhebt. Den Jüdinnen und Juden als Gemeinschaft werden jedoch keine Rechte zugestanden. 1812: Unter dem Eindruck der anti-napoleonischen Loyalität und Kontributionsbereitschaft der Wiener Jüdinnen und Juden gestattet Franz I. die Eröffnung von Bethaus und Schule im Dempfingerhof (Seitenstettengasse). Erhebung einzelner Jüdinnen und Juden in den Adelsstand. 1826: Einweihung des von Joseph Kornhäusel gebauten sog. Stadttempels. 1848: An der bürgerlichen Revolution haben viele der illegal in Wien wohnenden oder Wanderhandel betreibenden Jüdinnen und Juden großen Anteil. In der Folge wird den Jüdinnen und Juden gestattet, sich innerhalb der Donaumonarchie frei zu bewegen und in Wien sesshaft zu werden.
1849: 3. April, erste Erwähnung einer "Israelitischen Gemeinde" durch
Kaiser Franz Joseph I. Die in diesem Zusammenhang eingeführte sprachliche
Neuordnung - "Mitbürger mosaischen Glaubens" - beschränkte sich
auf den deutschsprachigen Raum, wobei streng zwischen zuerst tolerierten,
später emanzipierten, schließlich assimilierten Jüdinnen
und Juden sowie Ostjüdinnen und -juden (Aschkenasim, wurden mit der
Ghettokultur assoziiert) unterschieden wurde. Das Wegfallen der Arbeits-
und Wohnbeschränkungen und der aufblühende Liberalismus führte
zum wirtschaftlichen Aufschwung der Leopoldstadt. Da die Wiener Börse
ihr Betätigungsfeld auf den internationalen Getreidehandel ausweitete,
wurde die Versorgung Wiens von da an über die Produktenbörse
in der Taborstraße abgewickelt. Der dadurch entstandene Wohlstand
einiger GroßhändlerInnen lässt sich auch am Bau zweier großer
Synagogen ablesen, des "Großen Tempels" mit seinen orientalisch-arabischen
Formen für die Aschkenasim und des "Türkischen Tempels", einem
achteckigen Gebäude von pseudo-osmanischer Baukunst für die Sephardim
(orientalische Jüdinnen und Juden). Obwohl "die Leopoldstadt zu jener
Zeit noch ein vornehmes und angesehenes Viertel war" (Arthur Schnitzler)
lebten die meisten BewohnerInnen in ärmlichsten Verhältnissen.
Erster Weltkrieg
Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs erkannte Kaiser Franz Joseph die bedingungslos pro-österreichischen galizischen Jüdinnen und Juden als wichtige Verbündete. Es wurden sogar offizielle Manifeste in Jiddisch verfasst. Doch mit dem Friedensvertrag zwischen den Achsenmächten und Russland 1917, zog sich die habsburgische Armee von der Ostfront zurück woraus ein Flüchtlingsstrom von 350.000 Menschen (etwa 70.000 davon waren Jüdinnen und Juden) nach Westen resultierte. Obwohl per kaiserlichem Dekret als "zum Zweck der Kriegsführung zwangsweise [aus ihrer Heimat] entfernte Zivilpersonen" deklariert, wurden die Flüchtlinge von der Wiener Bevölkerung als Eindringlinge empfunden und dementsprechend behandelt. Zwischenkriegszeit
Viele der Geflohenen kehrten zurück in ihre zerstörten Dörfer, etwa 25.000 jüdische Flüchtlinge blieben in Wien. Die meisten von ihnen siedelten sich in der Leopoldstadt an, weil sie dort billige Quartiere und ein soziales Netz vorfanden.
Sie versuchten sich als Zwischenhändler und HausiererInnen - die einzigen
für sie noch offenen Betätigungsfelder dieser Zeit - über
Wasser zu halten und galten daher als "Luftmenschen" oder "unproduktive
Elemente". Allerdings waren sie es, die in der darniederliegenden Versorgungslage
den Bedarf an lebensnotwendigen Waren durch Handel oder Schmuggel abdeckten.
Die meisten Aschkenasim waren chassidischen Glaubens und wenn politisch
aktiv, dann in eigenen Gruppen weit links von der Sozialdemokratie organisiert,
namentlich: "Jüdischer Arbeiterbund", "Oppositionelle Sozialdemokraten"
etc. Deren Kinder hingegen und die seit ein bis zwei Generationen ansässigen
Jüdinnen und Juden waren großteils AnhängerInnen der deutsch-österreichischen
Sozialdemokraten oder Kommunisten, da diese den Gegenpol zu den offen antisemitischen
Christlichsozialen und Deutschnationalen bildeten. Der viel umjubelte und
höchst erfolgreiche jüdische Sportverein Hakoah (hebr. "Kraft")
jedoch bot ihnen allen eine Möglichkeit zur Identifikation. Erst mit dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit, vermehrtem Hakenkreuz-Unwesen und dem Verbot der sozialdemokratischen Vereine 1934 fanden auch die ausschließlich jüdischen, meist zionistischen Vereine größeren Zuspruch. Zwar war im Austro-Faschismus unter Dollfuß und Schuschnigg die nationalsozialistische Partei verboten, allerdings wurde für deren Ideologie, auch durch die blutige Niederschlagung der Arbeiterbewegung im Februar 1934, ein idealer Nährboden geschaffen. Wien war zu diesem Zeitpunkt die Stadt mit dem zweitgrößten jüdischen Bevölkerungsanteil Europas nach Warschau. Ein Drittel der rund 180.000 Wiener Jüdinnen und Juden lebten im zweiten und zwanzigsten Bezirk, der "Mazzesinsel". 13. März 1938
Mit dem "Anschluss" Österreichs an das 3. Reich begann ein neues Kapitel
des Antisemitismus. Die 1935 erlassenen Nürnberger Rassengesetze und
zahlreiche antijüdische Verordnungen, die die jüdischen BürgerInnen
ihrer Freiheitsrechte beraubten, galten jetzt auch im Gebiet der "Ostmark".
Jüdinnen und Juden konnten weder BeamtInnen werden noch bleiben und
wurden aus den Universitäten ausgeschlossen.Jüdinnen und Juden
galten als BlutschänderInnen, die Ehe mit ihnen wurde verboten, der
außereheliche Geschlechtsverkehr mit Jüdinnen für "arische"
Männer unter Strafe gestellt. 9./10. November 1938
Mit dem Pogrom der "Reichskristallnacht" erfuhr die Brutalität gegen jüdische MitbürgerInnen
eine neue traurige Dimension. Im gesamten deutschen Reichsgebiet wurden
etwa 30.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt und 1.300 bis 1.500
ermordet. "Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa." (Hitler in seiner Reichstagsrede vom 30. Januar 1939) Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. September 1939
Von Oktober 1939 bis Oktober 1942 wurden etwa 50.000 Jüdinnen und Juden
vom Aspangbahnhof Wien in die Vernichtungslager deportiert. Ab 1943 erfolgten
die Deportationen vom Nordbahnhof aus. Die Wiener Sammellager befanden sich
allesamt im zweiten Bezirk: in der Kleinen Sperlgasse, der Malzgasse und
der Castellezgasse. Am 9. Mai 1945 trat die Gesamtkapitulation des Deutschen Reiches in Kraft. Bis Ende 1941 gelang mehr als 130.000 österreichischen Jüdinnen und Juden die Flucht. Von den mehr als 65.000 Wiener Jüdinnen und Juden, die in Konzentrations- und Vernichtungslager gebracht worden waren, überlebten nur knapp über 2.000. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten in Österreich 115.000 Menschen. Nach dem Holocaust
Die Mehrheit der von den Nazis vertriebenen Jüdinnen und Juden wollte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in ihre alte Heimat zurückkehren und die Wiener Jüdische Gemeinde blieb klein: Zählte sie vor 1938 noch über 185.000 Mitglieder, so sind Ende der 1990er Jahre wenig mehr als 7.000 bei der Israelitischen Kultusgemeinde als Mitglieder registriert, wovon viele erst in den letzten Jahrzehnten als Flüchtlinge nach Wien gekommen sind. |
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