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Gedenken und Mahnen. NS-Herrschaft, Erinnerungskulturen und Gedächtnislandschaften nach 1945
Claudia Kuretsidis-Haider Fokussiert auf die NS-Zeit war die Denkmalkultur in Österreich ein "Spiegel der politischen Verhältnisse"[1]. Eine umfassende Auseinandersetzung mit der NS Vergangenheit erfolgte vor allem deswegen nicht, weil das offizielle Österreich sich unter Berufung auf die Moskauer Deklaration als erstes Opfer des Nationalsozialismus[2] verstand. Durch diese Argumentationsstrategie gerieten die eigentlichen Opfer der NS-Herrschaft sehr rasch in Vergessenheit. Die "blinden Flecken" und "Leerstellen" des "österreichischen Gedächtnisses" und die "spezifisch österreichische Kultur des Erinnerns und Vergessens" der NS-Herrschaft lassen sich insbesondere an der zeitgeschichtlichen Denkmallandschaft ablesen: Den Opfern des NS-Regimes blieb die Anerkennung und damit die Anteilnahme an ihrem Schicksal vielfach versagt (Heidemarie Uhl). Der Diskurs zu "öffentlichem Gedächtnis", "Vergangenheitsbewältigung" und "Gedenkkultur" setzte in Österreich erst in den 80er Jahren, nicht zuletzt im Zuge der Waldheim-Debatte, ein. Ursache war die jahrzehntelange gesellschaftliche Tabuisierung der nationalsozialistischen Verbrechen und des Anteils der ÖsterreicherInnen daran, die im Mythos erstes Opfer des Dritten Reiches gewesen zu sein erstarrte. Gedenken an die Opfer des Holocaust und des österreichischen Widerstandes hatte außerhalb der verschiedenen parteipolitischen Aktivitäten geringen Stellenwert. Das Gedenken an den österreichischen Freiheitskampf in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Als
Diese erste Phase der Gedenkkultur in der Zweiten Republik war geprägt
durch die Errichtung von Gedenkstätten an den Massengräbern von
Opfern der NS-Herrschaft, Grabanlagen und Denkmälern der alliierten
Armeen (für die im Zuge der Befreiung Österreichs gefallenen Soldaten)
sowie Widerstandsdenkmälern. Insbesondere der Freiheitskampf als Grundlage
des unabhängigen, demokratischen Österreich wurde in Denkmalerrichtungen
für die Opfer des Widerstandes, in Gedenkfeiern und politischen Erklärungen
der drei Gründungsparteien der Zweiten Republik, ÖVP, SPÖ
und KPÖ, gewürdigt. Das Gedenken an die FreiheitskämpferInnen
bezog, wie in der Unabhängigkeitserklärung ausgeführt, Opfer
der nationalsozialistischen Kriegspolitik mit ein. Der antifaschistische Konsens wurde allerdings rasch brüchig. Von den politischen Parteien identifizierte sich die KPÖ am weitestgehenden mit dem Widerstandskampf. Der Antikommunismus des Kalten Krieges, damit verbunden die Als
der KPÖ, und die Reintegration der ehemaligen NationalsozialistInnen
in die österreichische Gesellschaft führten zu einer Distanzierung
vom Widerstand. Diese politische Neuorientierung zeigte sich auch in einem
Wandel der Denkmallandschaft. Widerstandsgedenken war nur mehr den Opferverbänden,
der KPÖ und Teilen der SPÖ zugeordnet, das Bedürfnis der
Legitimation des neuen Österreich durch Berufung auf den Widerstand
wurde ein immer geringeres Anliegen. Als an die Opfer des NS Regimes, die außerhalb der im Opferfürsorgegesetz 1945 definierten Gruppe der "Opfer des Kampfes um ein freies, demokratisches Österreich" standen, war überwiegend auf die "Erinnerungsgemeinschaften" (Heidemarie Uhl) der Opferverbände bzw. die Israelitische Kultusgemeinde beschränkt. Aber auch die politisch Verfolgten selbst fanden vielfach keine entsprechende Anerkennung. Denkmalprojekte für den Widerstand stießen auf Ablehnung und konnten nicht oder erst nach heftigen öffentlichen Debatten durchgesetzt werden (etwa das "Internationale Mahnmal" über den Gräbern von NS Opfern am Grazer Zentralfriedhof 1963).[3]
Während es zwischen der SPÖ und KPÖ immer wieder zu Auseinandersetzungen
darüber kam "wem der Widerstand gehörte", zog sich die ÖVP
bald fast vollständig aus dieser Erinnerungskultur zurück. Der
Opferverband der ÖVP beschränkte sich vor allem auf Formen des
Gedenkens in Kirchenräumen[4]. Die Sozialdemokraten
rückten den Februar 1934 in das Zentrum ihrer Gedenktradition. Dass
die KPÖ nunmehr die einzige politische Kraft war, die die Erinnerung
an den österreichischen Freiheitskampf aufrechterhielt, wurde ihr als
politische Propaganda ausgelegt und trug zur Delegitimierung des Widerstandes
bei. Gefallenengedenken als identitätsstiftende Erinnerungskultur
Vielfach bis heute prägend für die Erinnerungskultur und die Denkmallandschaft
in weiten Teilen Österreichs ist seit Beginn der 50er Jahre das Gefallenengedenken
und die damit verbundenen Rituale und Jahrestage. Es entwickelte sich so
eine von praktisch allen gesellschaftlichen Gruppen unterstützte Gedächtniskultur
- quasi als "Antithese zum Widerstandsgedenken"[5], die
vor allem auf regionaler Ebene identitätsstiftend und geschichtsbildprägend
wurde.[6] Die Kategorie der Gefallenendenkmäler fungierte
außerhalb Wiens gewissermaßen als "Norm kollektiven Erinnerns".[7]
Im Laufe der Zeit wurde in fast jeder österreichischen Gemeinde ein
Kriegerdenkmal errichtet bzw. jenes des Ersten Weltkrieges erweitert - eine
Tendenz, die sich nach Abschluss des Staatsvertrages noch verstärkte.
Träger dieser Gedenkkultur war der Kameradschaftsbund, Widerstandsgedenken
war eine Sache der "Kommunisten". WiderstandskämpferInnen wurden in
die Nähe von VerräterInnen gerückt, die Legitimität
des Widerstandes nachhaltig in Frage gestellt, während die Pflichterfüllung
der Wehrmachtssoldaten zur "Norm ehrenvollen Handelns"[8]
wurde. Die Kriegerdenkmäler dieser Zeit sind allerdings nicht nur Erinnerungszeichen
für die Gefallenen, sondern auch ein öffentliches Bekenntnis zu
den Soldaten und
eine Rehabilitierung der Kriegsteilnehmer - insbesondere auch der Überlebenden.
Die Soldaten wurden nun nicht mehr als Opfer des Krieges, sondern als "Helden
der Pflichterfüllung und der Tapferkeit" dargestellt. Die Durchsetzung
repräsentativer Denkmäler bewies, dass die ehemaligen Wehrmachtssoldaten
nicht nur rehabilitiert waren, sondern auch die Hegemonie in der Geschichtsinterpretation
einnahmen.
Nach dem Abschluss des Staatsvertrages setzten sich die bereits erwähnten Tendenzen der "Renazifizierung"[9] weiter fort. Ein politischer Wandel zeichnete sich Mitte der 60er Jahre ab - allerdings nur in beschränktem Ausmaß und vor allem in der Bundeshauptstadt Wien. Dieser zeigte sich beispielsweise in den öffentlichen Reaktionen auf die Affäre Borodajkewycz und auf den Totschlag des Kommunisten und ehemaligen Widerstandskämpfers Ernst Kirchweger im Zuge einer Gegendemonstration. In den nachfolgenden Jahren wurden seitens des offiziellen Österreich Erinnerungszeichen gesetzt, die dem von den Veteranenverbänden dominierten ein anderes Geschichtsverständnis
entgegensetzen sollten. So wurde mit der Einrichtung eines Weiheraums (zunächst
befand sich hier nur eine Gedenktafel[10]) für den
österreichischen Freiheitskampf im Äußeren Burgtor der Wiener
Hofburg (das erste staatliche, von der Republik Österreich errichtete
Widerstandsdenkmal) "den politischen Opfern des NS Regimes erstmals die
gleiche offizielle Ehrung zuteil wie den gefallenen Wehrmachtssoldaten".[11]
In der breiten Öffentlichkeit - vor allem auch außerhalb Wiens
- wurde dieser Wandel aber kaum nachvollzogen. In der österreichischen
Historiografie existierten ab nun zwei getrennte Gedächtniskulturen
nebeneinander, das Gedenken an den Freiheitskampf und das Gedenken an die
Gefallenen, die das öffentliche Gedächtnis bis heute strukturieren
(Heidemarie Uhl). In den Erzählsträngen der politischen "Nachkriegsmythen"
(Tony Judt) und damit auch in den nationalen Gedächtniskulturen waren
die Verbrechen des NS Regimes ausgeblendet worden. Die "eigene" Bevölkerung
zeigte sich ausschließlich als unterdrücktes Opfer oder aber
als heroische WiderstandskämpferIn, frei von Schuld und Verantwortung,
die allein auf die deutschen Machthaber projiziert wurde. Fragen der Schuld
und Verantwortung wurden damit aus der politischen Kultur der Zweiten Republik
externalisiert.[12] Daneben war aber die öffentliche Erinnerungskultur in Österreich stark geprägt von der Ausblendung jener, die in der NS-Zeit rassenideologisch motivierten Verfolgungsmaßnahmen zum Opfer gefallen sind, darüber hinausgehend aber auch nach 1945 mit Formen von Diskriminierung konfrontiert waren, wie Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"aktion, Homosexuelle, so genannte "Asoziale". Aktivitäten zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus blieben nach dem Krieg fast ausschließlich jüdischen Initiativen überlassen und erreichten so nur marginale öffentliche Präsenz - vorwiegend auf Friedhöfen, gestiftet in den meisten Fällen von der Israelitischen Kultusgemeinde. Der Grund liegt auf der Hand: Die Denkmalsetzung für jüdische Opfer passte nicht in das österreichische Selbstbildnis, Opfer des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Die damit verbundene zwangsläufige Erinnerung an die in Österreich verübten nationalsozialistischen Verbrechen wurde als störend empfunden. Nach wie vor vorhandene antisemitische Vorurteile und Einstellungen spielten ebenfalls eine Rolle.[13] Weitgehend ohne Berücksichtigung blieben nicht-österreichische Opfergruppen, für die überhaupt keine "Erinnerungsgemeinschaften" bestanden und deren Grabstätten weitgehend der staatlichen Obsorge oblagen (KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, Sklaven- und ZwangsarbeiterInnen, Opfer von Todesmärschen)[14]. Zeichensetzungen einer neuen Erinnerungskultur seit den 80er Jahren
Neue Tendenzen der Erinnerungskultur, in deren Rahmen erstmals auch in verstärktem
Ausmaß nicht nur Opfern des Widerstandes, sondern auch der Verfolgung
Denkmäler errichtet wurden, zeigten sich erst nach dem nachhaltigen
Paradigmenwechsel in der österreichischen Geschichtsschreibung im Zuge
der Waldheim-Debatte. In den 80er Jahren zeigten sich neue Tendenzen der Erinnerungskultur die sich für Heidemarie Uhl bereits in deren Inkubationsphase der SPÖ Alleinregierung[15] in den 70er Jahren, abzeichneten - vor allem durch Initiativen von Gruppierungen abseits des Kameradschaftsbundes oder der Verbände der politisch Verfolgten. Nunmehr erlangte auch in der regionalen Öffentlichkeit die bereits "vergessene" Widerstandsgeschichte und vor allem die Vertreibung und Ermordung der Jüdinnen und Juden eine breitere Bedeutung, was in der Erweiterung der Zeichensetzung auch für die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen seinen Niederschlag fand. Zusammenfassend
kann also gesagt werden, dass die Paradigmenwechsel in der Geschichtspolitik
ihren sichtbaren Niederschlag auch in der Änderung der Denkmalkultur
fanden. So wurde die kurzfristige Orientierung am österreichischen
Freiheitskampf unmittelbar nach Kriegsende in den 50er Jahren von der Rehabilitierung
der gefallenen und überlebenden Wehrmachtssoldaten abgelöst. Ab
Mitte der 60er Jahre war zumindest auf offizieller Ebene eine Distanzierung
von der Identifizierung mit den (ehemaligen) Soldaten feststellbar. Seit
den 80er Jahren, insbesondere im Zuge der Waldheim-Debatte, wurde schließlich
die Frage nach der österreichischen Verantwortung für die Verbrechen
der Jahre 1938-1945 gestellt, weshalb erst zu diesem Zeitpunkt auch Erinnerungszeichen
für die Opfer der NS-Verbrechen in stärkerem Ausmaß in die
österreichische Gedächtniskultur aufgenommen wurden. (Uhl, Transformationen/Transit,
101f.) [1] Josef Seiter, Vergessen - und trotz alledem - erinnern. Vom Umgang mit Monumenten und Denkmälern in der Zweiten Republik, in: Sieder/Steinert/Talos (Hrsg.): Österreich 1945 1995. Gesellschaft, Politik, Kultur, Wien 1995, S. 691. [2] Heidemarie Uhl: Das "erste Opfer". Der österreichische Opfermythos und seine Transformationen in der Zweiten Republik, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft. Nr. 1/2001, S. 19-34. [3] Vgl. Heidemarie Uhl, Gedächtnisraum Graz. Zeitgeschichtliche Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum von 1945 bis zur Gegenwart, in: Sabine Hödl/Eleonore Lappin (Hrsg.), Erinnerung als Gegenwart. Jüdische Gedenkkulturen, Berlin - Wien 2000, S. 211 232. [4] Siehe dazu: Gedenken und Mahnen, S. 50f und 193. [5] Uhl, Transformationen, in: Transit, S.110. [6] Vgl. Heidemarie Uhl, Transformationen des österreichischen Gedächtnisses. Geschichtspolitik und Denkmalkultur in der Zweiten Republik, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 2000 (Schwerpunkt: Geschichte denken: Philosophie, Theorie, Methode), S. 317 341; Joachim Giller/Hubert Mader/Christian Seidl: Wo sind sie geblieben..? Kriegerdenkmäler und Gefallenenehrungen in Österreich (= Schriften des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien 12), Wien 1992. [7] Uhl, Transformationen, in: Brunnbauer, S. 54. [8]Ebd. [9] Walter Hacker (Hrsg.), Warnung an Österreich. Neonazismus: Die Vergangenheit bedroht die Zukunft (= Österreichprofile), Wien - Frankfurt am Main - Zürich 1966, S. 9. [10] Siehe dazu: Gedenken und Mahnen, S. 48. [11] Uhl, Transformationen, in: Transit, S. 113. [12] Zum Begriff der Externalisierung vgl. M. Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des "Großdeutschen Reiches", in: Max Haller/Hans Joachim Hoffmann Nowotny/Wolfgang Zapf (Hrsg.), Kultur und Gesellschaft. Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags, des 11. Österreichischen Soziologentags und des 8. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Zürich 1988, Frankfurt am Main New York 1989, S. 247 264. [13] Siehe: Dietmar Seiler, Im Labyrinth der Geschichtspolitik. Die Erinnerung an die Shoa im öffentlichen österreichischen Gedächtnis, in: Zeitgeschichte, 24. Jg., September/Oktober 1997, Heft 9/10, S. 282f. [14] Vgl. die Bundesgesetze vom 7. Juli 1948 über "die Fürsorge für Kriegsgräber aus dem ersten und zweiten Weltkrieg" und über "die Fürsorge und den Schutz der Kriegsgräber und Kriegsdenkmäler aus dem zweiten Weltkrieg für Angehörige der Alliierten, Vereinten Nationen und für Opfer des Kampfes um ein freies, demokratisches Österreich und Opfer politischer Verfolgung", Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich, Jg. 1948, 38. Stück Nr. 175 und 176, ausgegeben am 7. September 1948. [15] Uhl, Vorwort, in: Gedenken und Mahnen, S. 9. |
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